Die entscheidende Weiche stellt die Statik. Eine nicht tragende Trennwand ist an einem Tag zurückgebaut. Wer dagegen eine tragende Wand entfernen will, greift in das Tragwerk des Hauses ein: Sie übernimmt Lasten aus Decken, darüberliegenden Geschossen und dem Dach – und darf nur geöffnet werden, wenn ein Tragwerksplaner die Abfangung berechnet hat und ein Stahlträger oder Sturz die Lasten übernimmt.
Dieser Ratgeber führt durch alle Schritte: vom ersten Indiz über den Statik-Nachweis bis zur Ausführung – mit Praxiswissen aus unseren Sanierungsprojekten in Dortmund, Bochum und dem Ruhrgebiet.
Tragend oder nicht tragend: Woran Sie es erkennen
Fehlen die Unterlagen, helfen mehrere Indizien:
Wanddicke messen: Ziehen Sie vom Messwert je Seite 1,5 bis 2 cm Putz ab. Eine Wand mit 11,5 cm Rohbaudicke (klassischer Kalksandstein- oder Ziegelverband) ist im Geschosswohnungsbau meist nicht tragend. Ab 17,5 cm wird es ernst, 24 cm sind fast immer tragend. Im Altbau vor 1950 gilt: Tragende Innenwände aus Vollziegel messen oft 25 cm oder mehr, während leichte Trennwände teils nur 6 bis 8 cm dick sind.
Deckenspannrichtung prüfen: Decken spannen von Auflager zu Auflager – die Wände, auf denen sie aufliegen, tragen. Holzbalkendecken im Altbau spannen meist über die kürzere Gebäuderichtung, von der Außenwand zur Mittelwand. Diese Mittelwand, die sich durch alle Geschosse zieht, ist der Klassiker unter den tragenden Wänden. Wände parallel zur Balkenlage tragen oft keine Deckenlast – können aber das Gebäude aussteifen, was statisch genauso relevant ist.
Geschoss-Vergleich: Steht die Wand im Keller und in allen Geschossen darüber an derselben Stelle? Dann trägt sie mit hoher Wahrscheinlichkeit – tragende Wände brauchen eine durchgehende Lastableitung bis ins Fundament.
Was nicht funktioniert: Die Klopfprobe. Sie unterscheidet nur massiv von leicht – eine massive Wand kann trotzdem nicht tragend sein, und eine aussteifende Wand klingt nicht anders als eine harmlose.
Die endgültige Aussage trifft immer der Tragwerksplaner vor Ort. Die Indizien helfen Ihnen nur, Ihre Grundriss-Idee realistisch einzuschätzen, bevor Sie Geld in die Planung stecken.
Warum ohne Statiker nichts geht
Wer ohne diese Berechnung in das Tragwerk eingreift, riskiert dreierlei:
Bauschäden: Eine unterdimensionierte oder fehlende Abfangung führt zu Setzungen und Rissen – oft nicht sofort, sondern über Monate. Die Schäden zeigen sich in den Wohnungen darüber, an klemmenden Türzargen oder Putzrissen entlang der Decke. Im Extremfall droht der Teileinsturz der Decke.
Haftung: Der Bauherr haftet für Schäden am Gebäude und bei Dritten persönlich. Im Mehrfamilienhaus betrifft das schnell fremdes Eigentum – die Wohnung über Ihnen gehört jemand anderem.
Versicherungsschutz: Wohngebäude- und Haftpflichtversicherer können die Leistung kürzen oder verweigern, wenn der Schaden auf einen ungenehmigten Eingriff ins Tragwerk zurückgeht. Auch beim späteren Verkauf wird es teuer: Ein Durchbruch ohne dokumentierten Standsicherheitsnachweis ist ein Sachmangel, den Käufer und deren Gutachter zuverlässig finden.
Die Rechnung ist einfach. Ein Statik-Nachweis für einen einzelnen Durchbruch kostet einen Bruchteil dessen, was die Beseitigung von Rissschäden in zwei Geschossen kostet. An dieser Position zu sparen ist die teuerste Entscheidung des ganzen Projekts.
Kostenfaktoren: Was den Preis eines Wanddurchbruchs bestimmt
1. Statik-Nachweis: Für einen einfachen Türdurchbruch in einer tragenden Wand bewegen sich Standsicherheitsnachweise marktüblich im mittleren dreistelligen bis unteren vierstelligen Bereich. Raumbreite Öffnungen mit Trägerbemessung und Auflagernachweisen liegen darüber. Mehrere Durchbrüche im selben Projekt lassen sich in einem Nachweis bündeln – das ist günstiger als drei Einzelaufträge.
2. Öffnungsgröße: Ein Türdurchbruch mit 88,5 oder 101 cm Breite ist der einfachste Fall. Eine raumbreite Öffnung von 3 bis 4 Metern braucht einen deutlich stärkeren Träger, längere Auflager und mehr Abbruchfläche – der Aufwand wächst überproportional zur Breite.
3. Sturz oder Stahlträger: Kleine Öffnungen kommen oft mit einem Betonfertigsturz aus. Größere brauchen Stahlträger – typischerweise IPE- oder HEB-Profile, bei beidseitig bündigem Einbau als zweiteiliger Träger, der von beiden Seiten eingeschoben und verschraubt wird. Der Träger muss je Seite ausreichend tief aufliegen, die Auflager werden teils mit Beton oder Stahlplatten verstärkt.
4. Abstützung während der Arbeiten: Bevor die Wand geöffnet wird, übernehmen Stahlrohrstützen mit Lastverteilung die Deckenlast – beidseitig der Wand, bei Holzbalkendecken mit besonderer Sorgfalt. Diese Baustellensicherung ist Pflicht und fließt in die Kalkulation ein.
5. Schuttentsorgung: Mauerwerk ist schwer. Ein Quadratmeter 24er-Vollziegelwand bringt rund 400 bis 450 kg auf die Waage – ein raumbreiter Durchbruch erzeugt schnell mehrere Tonnen Bauschutt. Containerstellung, Etage und Zugänglichkeit (Aufzug oder Treppenhaus) machen hier den Unterschied.
6. Nebenarbeiten: In Bestandswänden liegen fast immer Elektroleitungen, manchmal auch Wasser- oder Heizungsrohre – sie müssen vor dem Abbruch geortet, freigeschaltet und umgelegt werden. Danach folgen Laibungsputz, Bodenanschluss und Malerarbeiten. In einer laufenden Sanierung sind diese Gewerke ohnehin auf der Baustelle, als Einzelmaßnahme verteuern sie das Projekt spürbar.
Genehmigung: Bauamt, Bauantrag und WEG-Beschluss
Baurecht in NRW: Viele Umbauten im Gebäudeinneren sind nach der Landesbauordnung NRW verfahrensfrei, also ohne Bauantrag möglich. Das entbindet aber nicht von den materiellen Anforderungen: Die Standsicherheit muss nachgewiesen werden, und je nach Gebäudeklasse muss der Nachweis zusätzlich durch eine qualifizierte Stelle geprüft werden. Bei größeren Wohngebäuden oder wenn Nutzungsänderungen hinzukommen, kann doch ein Bauantrag nötig werden. Verbindlich klärt das nur das örtliche Bauamt – ein kurzes Gespräch mit der Bauaufsicht vor Projektstart kostet nichts und schafft Sicherheit.
Eigentumswohnung: Hier gilt eine Besonderheit, die viele Eigentümer überrascht. Tragende Wände sind Gemeinschaftseigentum – auch wenn sie mitten in Ihrer Wohnung stehen. Ein Durchbruch ist eine bauliche Veränderung nach § 20 WEG und braucht einen Beschluss der Eigentümergemeinschaft, bevor gebaut wird: Statik-Nachweis erstellen lassen, Antrag über die Hausverwaltung auf die Tagesordnung setzen, Beschluss abwarten. Wer ohne Beschluss baut, riskiert eine Rückbauverpflichtung – selbst wenn die Statik einwandfrei ist.
Vermietete Wohnung im eigenen Mehrfamilienhaus: Als Alleineigentümer entscheiden Sie selbst. Der Standsicherheitsnachweis bleibt trotzdem Pflicht, bei bewohnten Nachbarwohnungen kommen Lärmschutzzeiten und Ankündigungsfristen hinzu.
Planen Sie für die formalen Schritte realistisch Zeit ein: Ein WEG-Beschluss kann je nach Versammlungsrhythmus Monate Vorlauf bedeuten – die Abstimmung also früh anstoßen.
Ablauf mit neurealis: Ausführung nach Statik-Freigabe
So läuft die Ausführung auf der Baustelle ab:
1. Bestand sichern: Leitungen in der Wand werden geortet und freigeschaltet, angrenzende Räume mit Folienschleusen abgetrennt. Staubintensive Arbeiten laufen mit Luftreinigern und abgesaugten Maschinen.
2. Abstützen: Beidseitig der Wand übernehmen Stahlrohrstützen mit Lastverteilungsbohlen die Deckenlast – exakt nach Statik-Vorgabe. Erst wenn die Abstützung steht, wird die Wand angetastet.
3. Trennschnitt statt Stemmen: Die Öffnung wird mit der Wandsäge geschnitten, nicht herausgestemmt. Das reduziert Erschütterungen drastisch – wichtig in Mehrfamilienhäusern und bei Altbaudecken, wo grobes Stemmen Risse in Nachbarräumen verursacht.
4. Träger einbauen: Der Stahlträger oder Sturz wird eingesetzt, ausgerichtet und kraftschlüssig vermörtelt – die Fuge zwischen Träger und Mauerwerk wird mit Quellmörtel geschlossen, damit die Lasten ohne Setzung übertragen werden.
5. Fertigstellen: Nach dem Aushärten kommen die Stützen heraus. Laibungen werden verputzt, der Boden in der Öffnung angearbeitet, der Träger nach Wunsch verkleidet. Weil bei einer laufenden Sanierung Putzer, Bodenleger und Elektriker ohnehin im Projekt sind, entstehen keine separaten Anfahrten und keine Schnittstellenprobleme – unsere Bauleitung legt den Durchbruch so in den Bauablauf, dass Folgegewerke direkt anschließen.
Grundriss-Optimierung: Was eine Wand verändert
Offene Wohnküche: Der Klassiker. Die Wand zwischen Küche und Wohnzimmer fällt ganz oder wird zu einer breiten Öffnung mit sichtbarem Unterzug. Gerade in Wohnungen der 50er- bis 70er-Jahre mit separater 6-m²-Küche entsteht so ein Wohnraum, der sich doppelt so groß anfühlt – ohne einen Quadratmeter Anbau.
Bad vergrößern: Kleine Bäder grenzen oft an eine Abstellkammer oder einen überbreiten Flur. Wird die Trennwand versetzt oder geöffnet, passt plötzlich eine bodengleiche Dusche neben die Wanne – oder überhaupt erst eine Waschmaschine ins Bad. Weil dabei meist Wasser- und Abwasserleitungen betroffen sind, gehört dieser Eingriff in eine ohnehin laufende Badsanierung.
Durchgang statt Tür: Ein breiter, offener Durchgang zwischen Flur und Wohnraum bringt Tageslicht in dunkle Altbauflure und löst die typischen Schlauchgrundrisse auf.
Der beste Zeitpunkt für solche Eingriffe ist die Sanierung selbst. Wenn Böden, Putz und Elektrik ohnehin erneuert werden, verschwinden die Spuren des Durchbruchs im Gesamtprojekt. Als nachträgliche Einzelmaßnahme in einer bewohnten Wohnung kostet derselbe Durchbruch deutlich mehr Nerven und Geld.
Wie eine Grundriss-Änderung ins Gesamtprojekt eingebettet wird, zeigen unsere Seiten zur Wohnungssanierung und Komplettsanierung.
Was beeinflusst die Kosten eines Wanddurchbruchs?
Die wichtigsten Kostenpositionen für einen Wanddurchbruch in einer tragenden Wand – die Summe hängt von Wandaufbau, Öffnungsbreite und Gebäude ab.
Marktübliche Orientierung: Der Statik-Nachweis für einen Türdurchbruch liegt im mittleren dreistelligen bis unteren vierstelligen Bereich, raumbreite Öffnungen darüber. Konkrete Zahlen kalkulieren wir nach Besichtigung im Sanierungsangebot.
Checkliste: Wanddurchbruch richtig vorbereiten
Diese acht Punkte sollten vor der ersten Stütze geklärt sein.
Praxis-Tipps
Erst orten, dann schneiden
In fast jeder Bestandswand liegen Elektroleitungen, oft kreuz und quer statt in den genormten Installationszonen – besonders im Altbau und nach früheren Umbauten. Ein Leitungssucher findet stromführende Kabel; bei Verdacht auf Wasserleitungen hilft der Blick auf die Anschlüsse darüber und darunter. Eine angeschnittene Heizungsleitung macht aus dem Durchbruch einen Wasserschaden.
Deckenhöhe am Unterzug einplanen
Bei raumbreiten Öffnungen bleibt der Stahlträger als Unterzug sichtbar oder wird verkleidet – beides kostet an dieser Stelle einige Zentimeter Raumhöhe. In Altbauten mit 2,80 m Deckenhöhe fällt das kaum auf, bei 2,40 m im 60er-Jahre-Bau sollte die Trägerlage früh mit dem Tragwerksplaner besprochen werden.
Mehrere Grundriss-Eingriffe bündeln
Wer ohnehin saniert, sollte alle Wandöffnungen in einem Schritt planen: ein Statik-Nachweis, eine Abstützphase, ein Container, eine Putz- und Bodenrunde. Zwei getrennt beauftragte Durchbrüche kosten zusammen deutlich mehr als beide im selben Projekt.
Häufige Fragen
? Wie erkenne ich, ob eine Wand tragend ist?
Wie erkenne ich, ob eine Wand tragend ist?
? Was kostet ein Statiker für einen Wanddurchbruch?
Was kostet ein Statiker für einen Wanddurchbruch?
? Brauche ich eine Genehmigung für einen Wanddurchbruch?
Brauche ich eine Genehmigung für einen Wanddurchbruch?
? Kann man eine tragende Wand komplett entfernen?
Kann man eine tragende Wand komplett entfernen?
? Wie lange dauert ein Wanddurchbruch?
Wie lange dauert ein Wanddurchbruch?
? Machen Sie auch nur den Wanddurchbruch?
Machen Sie auch nur den Wanddurchbruch?
Grundriss öffnen – im Zuge Ihrer Sanierung
Sie planen eine Sanierung in Dortmund, Bochum oder dem Ruhrgebiet und überlegen, ob eine Wand fallen kann? Wir prüfen Ihre Grundriss-Idee im Gesamtprojekt, stimmen die Ausführung mit Ihrem Tragwerksplaner ab und setzen den Durchbruch mit allen Folgegewerken um – aus einer Hand.
Oder rufen Sie uns an: 0231 - 997 997 47
Normen & Quellen
- Landesbauordnung NRW (BauO NRW): Anforderungen an Standsicherheit und verfahrensfreie Vorhaben
- § 20 WEG: Bauliche Veränderungen – Beschlusspflicht der Eigentümergemeinschaft
- DIN EN 1991 (Eurocode 1): Einwirkungen auf Tragwerke – Lastannahmen
- DIN EN 1993 (Eurocode 3): Bemessung und Konstruktion von Stahlbauten
- DIN 4109: Schallschutz im Hochbau – relevant bei Grundriss-Änderungen zwischen Wohnungen